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Buch I · Xue Er

1.1–16

1.1

Der Meister sprach: „Lernen und das Gelernte zu rechter Zeit üben – ist das nicht eine Freude? Freunde, die aus der Ferne kommen – ist das nicht ein Glück? Von den anderen nicht erkannt werden und keinen Groll hegen – ist das nicht die Art des Edlen?“

1.2

Meister You sprach: „Von denen, die gegen Eltern kindesfromm und gegen ältere Brüder ehrerbietig sind, lieben es nur wenige, ihren Oberen zu widerstreben; und von denen, die es nicht lieben, ihren Oberen zu widerstreben, liebt es keiner, Unruhe zu stiften. Der Edle bemüht sich um die Wurzel; steht die Wurzel fest, so wächst der Weg daraus. Kindespietät und brüderliche Ehrerbietung – sind sie nicht die Wurzel der Menschlichkeit?“

1.3

Der Meister sprach: „Geschickte Worte und eine gefällige Miene – selten ist da Menschlichkeit.“

1.4

Meister Zeng sprach: „Täglich prüfe ich mich in dreifacher Hinsicht: Bin ich, wenn ich für andere handelte, nicht treu gewesen? Bin ich im Umgang mit Freunden nicht zuverlässig gewesen? Habe ich weitergegeben, was ich selbst nicht geübt habe?“

1.5

Der Meister sprach: „Um einen Staat von tausend Kriegswagen zu lenken: Sei gewissenhaft in den Geschäften und zuverlässig; sei sparsam im Aufwand und liebe die Menschen; nimm das Volk nur zur rechten Jahreszeit in Dienst.“

1.6

Der Meister sprach: „Ein junger Mensch sei zu Hause kindesfromm, draußen ehrerbietig gegen die Älteren, umsichtig und zuverlässig; er liebe alle weithin und halte sich an die Menschlichen. Bleibt ihm nach alledem noch Kraft, so verwende er sie auf das Studium der Kultur.“

1.7

Zixia sprach: „Wer Würdigkeit höher achtet als Schönheit; wer im Dienst an Vater und Mutter all seine Kraft aufbieten kann; wer im Dienst an seinem Fürsten sich ganz hingeben kann; wer im Umgang mit Freunden zu seinem Wort steht – mag man auch sagen, er habe nicht gelernt, ich würde ihn gewiss gebildet nennen.“

1.8

Der Meister sprach: „Ist der Edle nicht gesetzt, so flößt er keine Achtung ein, und sein Lernen ist nicht fest. Halte dich an Treue und Zuverlässigkeit. Habe keine Freunde, die dir nicht gleichen. Hast du Fehler, so scheue dich nicht, sie zu bessern.“

1.9

Meister Zeng sprach: „Sei sorgsam beim Lebensende der Eltern und gedenke ihrer lange danach; dann wird die Tugend des Volkes zu ihrer Fülle zurückkehren.“

1.10

Ziqin fragte Zigong: „Wenn der Meister in einen Staat kommt, erfährt er stets von dessen Regierung. Sucht er es, oder wird es ihm gegeben?“ Zigong sprach: „Der Meister erlangt es durch Freundlichkeit, Güte, Höflichkeit, Mäßigung und Bescheidenheit. Die Art, wie der Meister es sucht – ist sie nicht anders als die Art, wie andere es suchen?“

1.11

Der Meister sprach: „Solange der Vater eines Menschen lebt, sieh auf seine Absichten; ist der Vater tot, sieh auf sein Handeln. Wenn er drei Jahre lang vom Weg seines Vaters nicht abweicht, kann man ihn kindesfromm nennen.“

1.12

Meister You sprach: „Bei der Übung der Riten ist die Harmonie das Wertvollste. Im Weg der früheren Könige war dies das Schöne; im Kleinen wie im Großen folgten sie ihm. Doch gibt es etwas, das nicht geht: Harmonie kennen und Harmonie suchen, ohne sie durch die Riten zu regeln – auch das geht nicht.“

1.13

Meister You sprach: „Wenn Zuverlässigkeit der Rechtlichkeit nahekommt, kann man sein Wort halten. Wenn Höflichkeit den Riten nahekommt, bleibt man Schande und Schmach fern. Wenn man sich auf andere stützt, ohne die zu verlieren, denen man nahestehen soll, kann man als Vorbild gelten.“

1.14

Der Meister sprach: „Ein Edler, der beim Essen nicht nach Sättigung, beim Wohnen nicht nach Bequemlichkeit strebt, der rasch im Handeln und behutsam im Reden ist und sich zu denen begibt, die den Weg besitzen, um sich berichtigen zu lassen – von dem kann man sagen, dass er das Lernen liebt.“

1.15

Zigong sprach: „Arm sein ohne zu schmeicheln, reich sein ohne Hochmut – was meinst du dazu?“ Der Meister sprach: „Das ist gut. Aber nicht so gut wie arm sein und doch fröhlich, reich sein und doch die Riten lieben.“ Zigong sprach: „Im Buch der Lieder heißt es: ‚Wie geschnitten, wie gefeilt, wie gemeißelt, wie geschliffen.‘1 Ist es das, was du meinst?“ Der Meister sprach: „Ci, nun endlich kann ich mit dir über die Lieder sprechen! Ich sagte dir, was vorausging, und du wusstest, was folgen würde.“

1.16

Der Meister sprach: „Sorge dich nicht darum, dass die anderen dich nicht kennen; sorge dich darum, dass du die anderen nicht kennst.“

  1. Buch der Lieder, Lied 55, das die Verfeinerung des Edlen mit der Bearbeitung von Knochen, Elfenbein, Jade und Stein vergleicht. ↩