Buch II · Wei Zheng
2.1–24
2.1
Der Meister sprach: „Wer durch Tugend regiert, gleicht dem Polarstern: Er bleibt an seinem Ort, und alle Sterne huldigen ihm.“
2.2
Der Meister sprach: „Die Lieder sind dreihundert, doch ein einziges Wort fasst sie alle zusammen: ‚Kein Abirren im Denken.‘“
2.3
Der Meister sprach: „Führt man das Volk durch Verordnungen und hält es durch Strafen in Ordnung, so meidet es die Vergehen, hat aber kein Schamgefühl. Führt man es durch Tugend und hält es durch die Riten in Ordnung, so hat es Schamgefühl und bessert sich von selbst.“
2.4
Der Meister sprach: „Mit fünfzehn richtete ich mein Herz auf das Lernen; mit dreißig stand ich fest; mit vierzig hatte ich keine Zweifel mehr; mit fünfzig kannte ich den Auftrag des Himmels; mit sechzig war mein Ohr gefügig; mit siebzig konnte ich den Wünschen meines Herzens folgen, ohne das Maß zu überschreiten.“
2.5
Meng Yizi fragte nach der Kindespietät. Der Meister sprach: „Nicht zuwiderhandeln.“ Als Fan Chi ihm den Wagen lenkte, sagte der Meister zu ihm: „Mengsun fragte mich nach der Kindespietät, und ich antwortete: ‚Nicht zuwiderhandeln.‘“ Fan Chi sprach: „Was meintest du damit?“ Der Meister sprach: „Solange sie leben, ihnen nach den Riten dienen; wenn sie sterben, sie nach den Riten bestatten und ihnen nach den Riten opfern.“
2.6
Meng Wubo fragte nach der Kindespietät. Der Meister sprach: „Vater und Mutter sollen um nichts anderes besorgt sein müssen als darum, dass du krank wirst.“
2.7
Ziyou fragte nach der Kindespietät. Der Meister sprach: „Heutzutage heißt Kindespietät, die Eltern ernähren zu können. Aber auch Hunde und Pferde werden ernährt. Ohne Ehrfurcht – worin liegt der Unterschied?“
2.8
Zixia fragte nach der Kindespietät. Der Meister sprach: „Schwer ist der Gesichtsausdruck. Gibt es Arbeit, so tragen die Jungen die Mühe; gibt es Wein und Speise, so werden die Älteren zuerst bedient – hältst du das für Kindespietät?“
2.9
Der Meister sprach: „Ich kann mit Hui den ganzen Tag reden, und er widerspricht mir nie, als wäre er einfältig. Doch wenn er sich zurückgezogen hat und ich sein privates Leben betrachte, sehe ich, dass er das Gesagte ganz zur Entfaltung bringt. Hui ist nicht einfältig.“
2.10
Der Meister sprach: „Sieh, was einer tut; betrachte den Weg, den er nimmt; prüfe, worin er seine Ruhe findet. Wie könnte ein Mensch sich verbergen? Wie könnte ein Mensch sich verbergen?“
2.11
Der Meister sprach: „Wer das Alte durchgeht und so das Neue erkennt, der taugt zum Lehrer.“
2.12
Der Meister sprach: „Der Edle ist kein Gerät.“
2.13
Zigong fragte nach dem Edlen. Der Meister sprach: „Er tut zuerst, was er sagen würde, und erst danach spricht er dementsprechend.“
2.14
Der Meister sprach: „Der Edle ist allumfassend und nicht parteiisch; der Gemeine ist parteiisch und nicht allumfassend.“
2.15
Der Meister sprach: „Lernen ohne Denken ist verwirrend; Denken ohne Lernen ist gefährlich.“
2.16
Der Meister sprach: „Sich fremden Lehren hinzugeben – das ist wahrlich schädlich.“
2.17
Der Meister sprach: „You, soll ich dich lehren, was Wissen ist? Was man weiß, als Wissen gelten lassen, was man nicht weiß, als Nichtwissen gelten lassen – das ist Wissen.“
2.18
Zizhang lernte, um ein besoldetes Amt zu erlangen. Der Meister sprach: „Höre viel, lass das Zweifelhafte beiseite und sprich behutsam über das Übrige: dann wirst du wenige Fehler machen. Sieh viel, lass das Gewagte beiseite und handle behutsam im Übrigen: dann wirst du wenig zu bereuen haben. Wenige Fehler im Reden, wenig Reue im Handeln – darin liegt die Besoldung von selbst.“
2.19
Herzog Ai fragte: „Was muss geschehen, damit das Volk gehorcht?“ Konfuzius antwortete: „Erhebe die Geraden und setze sie über die Krummen, so gehorcht das Volk. Erhebe die Krummen und setze sie über die Geraden, so gehorcht das Volk nicht.“
2.20
Ji Kangzi fragte: „Wie bringt man das Volk dazu, ehrerbietig und treu zu sein, und ermuntert es zum Guten?“ Der Meister sprach: „Tritt ihm mit Würde entgegen, so wird es ehrerbietig sein. Sei kindesfromm und gütig, so wird es treu sein. Erhebe die Guten und unterweise die Unfähigen, so wird es ermuntert sein.“
2.21
Jemand sagte zu Konfuzius: „Warum beteiligst du dich nicht an der Regierung?“ Der Meister sprach: „Im Buch der Urkunden heißt es: ‚Kindesfromm! Sei nur kindesfromm und deinen Brüdern ein Freund.‘ Dies auf die Führung der Regierung auszudehnen – auch das heißt, sich an der Regierung zu beteiligen. Warum muss man ein Amt innehaben, um sich an der Regierung zu beteiligen?“
2.22
Der Meister sprach: „Ein Mensch ohne Zuverlässigkeit – ich weiß nicht, wie er vorankommen soll. Ein großer Wagen ohne Jochstange, ein kleiner Wagen ohne Jochbolzen – wie soll man sie fahren lassen?“
2.23
Zizhang fragte: „Kann man wissen, wie es in zehn Generationen sein wird?“ Der Meister sprach: „Die Yin übernahmen die Riten der Xia; was sie wegließen und hinzufügten, lässt sich wissen. Die Zhou übernahmen die Riten der Yin; was sie wegließen und hinzufügten, lässt sich wissen. Wer auch immer den Zhou nachfolgen mag – selbst nach hundert Generationen lässt es sich wissen.“
2.24
Der Meister sprach: „Geistern zu opfern, die nicht die eigenen sind, ist Schmeichelei. Das Rechte sehen und es nicht tun, ist Mangel an Mut.“